Mystiker, Manager und Kirchenmann
Der Weltenbummler Graf von Zinzendorf war Bischof und hatte sein Ohr am sozialen Puls der Zeit. Wer war der fromme Mann mit den ganz weltlichen Hobbies?
Es wird von ihm berichtet, er sei der beste Degenfechter gewesen in Dresden, keiner hätte es mit ihm aufnehmen können. In
Paris gab man ihm das feurigste Pferd, in der Hoffnung, dass der
deutsche Graf gedemütigt würde, indem das Pferd ihn abwirft. Er konnte
sich natürlich auf dem Pferd halten. In Sachsen geboren und fromm erzogen, studierte er Jura, wurde hoher Beamter in Dresden. Als sich auf seinem Landbesitz Glaubensflüchtlinge aus Mähren niederlassen wollten, hängte Zinzendorf Karriere und Staatsdienst an den Nagel und gründete die Brüdergemeinde Herrnhut. Dort praktizierte man Edelkommunismus, gepaart mit christlichem Gemeinschaftssinn. Der Tag in Herrnhut begann damit, dass morgens Boten durch den Ort gingen, so gegen 5:30 Uhr, und die Losungen für den Tag in die Häuser riefen.
Diese Losungen – übrigens ein Wort aus der Militärsprache - haben sich
bis heute erhalten. Und dann kam um sechs Uhr das Morgengebet, danach
die Andacht und dann vor allem: viel Arbeit. In der gemeinsamen Singstunde am Abend lief der Graf noch mal zu Hochform auf und zeigte seine Liederdichterqualitäten. 2000
Lieder stammen aus seiner Feder – sogar die Dichterstars Goethe und
Lessing waren davon angetan. Und das, obwohl Zinzendorf die Texte oft
einfach aus dem Ärmel schüttelte. Er hat Verse aufgrund von Bibeltexten
entworfen, wie’s ihm gerade ums Herz war, einmal vorgesagt - und die
Gemeinde hat das dann nach bekannten Melodien nachgesungen. Auf seinen Reisen hinterließ der Weltenbummler Zinzendorf viele Spuren, gründete viele Gemeinen. Die Brüdergemeinden waren weit über Deutschland hinaus aktiv. Immerhin hatten sie 226 Missionare in 28 Ländern, als Zinzendorf am 9. Mai 1760 in Herrnhut starb. Bis zu seinem 250. Todestag geblieben sind seine Lieder, das Herrnhuter Losungsbüchlein – und die Brüdergemeinden. Autor: Oliver Hoesch auf ERF.de
Geschichte der Herrnhuter Losungen
Die Gemeinde versammelt sich wie jeden Tag, um miteinander zu singen. Graf von Zinzendorf, der die Erlaubnis zur Errichtung von Herrnhut auf seinem Land gab, leitet die Versammlung. Es ist der 3. Mai 1728. Die Gemeinde erfuhr neun Monate vorher die versöhnende Liebe Gottes in einer Abendmahlsversammlung. Seitdem leben sie als Schwestern und Brüder zusammen, die sich dieser Versöhnung gewiss sind. Doch Zinzendorf weiß, wie wichtig es ist, dass die Gemeinde täglich zusammen redet, betet und zusammen singt. Die Geschwister sollen immer wieder miteinander ins Gespräch kommen über Gottes Wort und ihre Erfahrungen mit ihrem lebendigen Gott. Doch wie lässt sich dieser Gedanke im Alltag verwirklichen? An diesem Abend, ruft Graf Zinzendorf der Gemeinde eine Parole für den kommenden Tag zu. Es ist ein Liedvers, den er selbst gedichtet hat. „Liebe hat dich hergetrieben, Liebe riss dich von dem Thron; und wir sollten dich nicht lieben?". Mit diesem Wort gehen die Schwestern und Brüder nach Hause und durch den nächsten Tag. Es ist Zuspruch und Aufforderung zugleich. Von
diesem Tag an, gehen täglich mehrere Geschwister von Haus zu Haus und
teilen allen Bewohnern Herrnhuts die Tageslosung mit. Dabei kommen sie miteinander ins Gespräch. Ihr Glaube wird täglich in der Gemeinschaft erfahrbar. Sie tauschen sich darüber aus und stellen fest, wie ihre Unterschiedlichkeit sie nicht trennt, sondern bereichert. Vier Jahre später, 1731, erscheint das erste „Losungsbuch". Zinzendorf stellte für jeden Tag ein Bibelwort und einen Gebetsvers zusammen. Er ordnete entweder einem Bibelwort einen Vers zu, oder wenn ein Vers das Losungswort war, gab er mehrere Bibelstellen an. Der Titel dieses ersten Buches lautete: „Ein
guter Muth; Als das Tägliche Wohl-Leben Der Creutz-Gemeine Christi zu
Herrnshut, im Jahre 1731. Durch die Erinnerung ewiger Wahrheiten, Alle
Morgen neu." Seit diesem Jahr erscheint das Losungsbuch ununterbrochen bis heute. Heute kommen nicht nur die Menschen miteinander ins Gespräch, die zur Hermhuter
Brüdergemeine gehören, sondern die Losungen verbinden uns weltweit zur
Gemeinde Christi. Die Sonne, die uns sinkt, bringt unseren Geschwistern
überm Meer das Licht. von: www.losungen.de |